STOFFWECHSEL Labor 2026 – SOILED LOVE: Feuchter Alpennordsaum

Sa 3.10.2026 // 19.00

Foto: Kilian Jörg, edited by Tina Bauer

Sa 3.10.2026 // 19.00

Open Lab/Artist Lecture
Bräuhausgasse 40, 1050 Wien // kostenlose Teilnahme

Mit: Lisa Hinterreithner (AT), Michael Hirsch (DE), Kilian Jörg (AT) und Anita Kaya (AT)
Gastbeitrag: Esther Strauss (AT)

Realisiert von Im_flieger als Teil des künstlerischen Forschungsprojekts Stoffwechsel – Ökologien der Zusammenarbeit. www.stffwchsl.net

Wussten Sie, dass das Wort „Alpen“ aus dem Irak stammt? Und dass seit den ersten Siedler:innen aus Mesopotamien die Alpen zu einer Kulturlandschaft gepflegt wurde, die seit der Industrialisierung langsam verfällt?

Im Rahmen des künstlerischen Forschungslabors Stoffwechsel – Ökologien der Zusammenarbeit, haben wir uns seit nunmehr einem Jahrzehnt mit neuen und alten Materialismen und Ökosophien beschäftigt, die andere Verhältnisse zur Erde aufbauen, welche dreckig und liebender sind – soiled love. Wir beschäftigen uns mit dem Alpenraum, inklusive der herausfordernden Fragen rund um traditionelle Lebensweisen.
Im Gebiet des feuchten Alpennordsaum liegt eine Jahrtausende alte Kulturtechnik begraben, die die Alpen als Kulturraum erst zu dem gemacht haben, was sie heute (noch) sind: ein sehr biodiverser Raum mit menschlichen Kulturtechniken der Landschaftspflege, die auf Kohabitation und Nachhaltigkeit ausgelegt sind. So wie indigene Völker den Amazonas-Regenwald erst als komplexes Habitat ko-kreiert haben, kann auch der Alpenraum als ein solches Ergebnis hochkomplexer und langfristig ausgelegter menschlicher Öko-Intelligenz verstanden werden.

Doch die Alpen sind auch eine Maschine des Freizeittourismus und des landwirtschaftlichen Hochleistungsfetischismus, genauso wie ein Symbol reaktionärer Volkstümelei. Wie kann diese toxische Gemengelage verstanden werden und wie können wir, jenseits von simplifizierten Heile-Welt-Projektionen die historischen Lebensweisen des Alpenraums als Inspirationsquelle für Ko-Habitationsweisen der Zukunft denken? Im Rahmen von SOILED LOVE: Feuchter Alpennordsaum haben wir uns mit Kuhfladen und Wolkenformationen, mit Wasserläufen und Almwirtschaften beschäftigt – wir haben nach den Märchen des Ortes gesucht und unsere Körperlichkeit in Relation zu den hohen Felsmassiven erforscht. In  diesem Open Lab wollen wir unsere Erfahrungen teilen und zur Diskussion stellen. Hierfür haben wir auch die Künstlerin Esther Strauß eingeladen, welche sich seit Jahren intensiv mit den Alpen aus einer künstlerischen Perspektive beschäftigt. Sie wird ihr aktuelles Projekt Denkmal für Schnee vorstellen, das sich mit dem Verlust von Gletschern und der damit einhergehenden Trauerarbeit beschäftigt.

Foto: Esther Strauß

„Es mag der Tag kommen, an dem in den Alpen der allerletzte Schnee fallen wird. Ein Denkmal soll an diesen Verlust erinnern noch bevor er eingetreten ist. Auf einer namenlosen Spitze, die sich zwischen zwei Gipfeln im Urgestein der Tuxer Alpen findet, wird auf fast 2700 Höhenmetern ein zarter, 80 Zentimeter breiter Schriftzug aus Messing angebracht. Die drei kleinen Worte Denkmal für Schnee verwandeln den Berg in einen Sockel, an dessen höchstem Punkt – irgendwann, an einem Tag, der sich erahnen, aber nicht voraussagen lässt – der letzte Schnee schmelzen wird, der auf diese Spitze fällt. Was bedeutet uns sein Verschwinden?“ (Esther Strauß)

Anita Kaya (AT) geboren 1961, ist freischaffende Choreografin, Performerin und Kuratorin und lebt in Wien.  Unter dem Label OYA-Produktion (1988-2005) schuf sie Tanzproduktionen, ortsspezifische Performances, performative Installationen und Tanzvideos, die international präsentiert wurden. Im Jahr 2000 initiierte sie die Künstler:innen für Künstler:innen Initiative Im_flieger – Forschungslabor für Tanz, Performance und transmediale Kunst. (Konzeptförderung der Stadt Wien 2022-25). In künstlerischer Leitung und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstler:innen und Theoretiker:innen entwickelt sie neue Konzepte und Strukturen künstlerischer Kooperationen und Mentoring-Programme: z.B. das europäische Residenzprogramm für junge Choreographen TERRAINS FERTILES 05 (Innovationspreis 2005 der IG-Kultur Wien).  Sie beschäftigt sich mit dem Körper als Speicher des individuellen und kollektiven Gedächtnisses, und seinem Kommunikationspotenzial mit der Umgebung, der Menschlichen und mehr als Menschlichen: z.B. Translocations / One-to-One Performance bewegte sich an der Schnittstelle von Geschichte/ Trauma, Archivierung, Installation und Performance. 2023 kooperiert sie mit Theatercombinat/ Claudia Bosse im Rahmen der Produktion Bones & Stones als Performerin/Choreografin. 2019/20 absolvierte sie den Universitätslehrgang „Kuratieren in den Szenischen Künsten“ an der Universität Salzburg und München. Sie ist Co-Herausgeberin und -Autorin der Publikation VISCERAL FICTION – Im_flieger schreibt Geschichte/n – 20 Jahre Künstler:innen für Künstler:innen. 2021, monocrom. www.imflieger.net, www.stffwchsl.net

Esther Strauß (AT) (*1986) ist Performance- und Sprachkünstlerin. Das, was ihre Arbeiten verbergen, ist ebenso wichtig wie das, was sie preisgeben. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt: Paul Flora Preis 2022 und BMKOES Staatsstipendium 2021. www.estherstrauss.info

Kilian Jörg (AT) arbeitet sowohl künstlerisch als auch philosophisch zum Thema ökologische Katastrophen und wie man sich deren transformative Kräfte am besten vorstellen und einsetzen kann. Frühere Veröffentlichungen befassten sich mit der Clubkultur, dem politischen Backlash aus ökologischer Sicht, der Kultivierung von Distanz in katastrophalen Zeiten und einer spekulativen Religion des Abfalls. Seine aktuellen Forschungsthemen sind das Auto als Metapher für unsere toxischen Verstrickungen mit modernen Lebensstilen (erscheint in Buchform als „Das Auto und die ökologische Katastrophe“ im September 2024), die sozialpsychologischen Auswirkungen des Lebens mit dem Ökozid und radikale aktivistische Strategien der Landrückgewinnung wie die ZAD in Frankreich. Er arbeitet mit dem Futurama.Lab an der Akademie der bildenden Künste Wien und ist dem SFB Affektive Gesellschaften an der FU Berlin angeschlossen. www.kilianj.org & www.kilianjoerg.blogspot.com

Lisa Hinterreithner (AT) Die Künstlerin und Performerin Lisa Hinterreithner verschränkt in ihren Arbeiten Körper und Materialien. Dabei sucht sie nach experimentellen Performance Formaten, die Fragen zu Repräsentation und Teilhabe thematisieren. So entstehen gemeinsame Prozesse und Räume, in denen sich Publikum, Performer*innen und Dinge verbinden. Sie hat u.a. mit Julius Deutschbauer, Jack Hauser, Rotraud Kern, Elise Mory, Laura Navndrup Black, Lilo Nein, Martina Ruhsam, Linda Samaraweerová gearbeitet. www.lisahinterreithner.at

Michael Hirsch (DE) ist Philosoph, Politikwissenschaftler und Kunsttheoretiker. Er lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Siegen und lebt als freier Autor in München. Er ist regelmäßiger Teilnehmer der Werkstätten und Forschungslabore von „Stoffwechsel. Ökologien der Zusammenarbeit“ im Rahmen von Im_flieger. Jüngere Veröffentlichungen: Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure (2022); Richtig falsch. Es gibt kein richtiges Leben im falschen (2019); Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit (2016); Logik der Unterscheidung. 10 Thesen zu Kunst und Politik (2015). www.michael-hirsch-archiv.de